Autorin: Karin Chladek

„Wozu in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Im Falle des Gesäuses ist dieser alte, an Goethe angelehnte Spruch sehr treffend. Er gilt auch für Menschen mit (Geh)Behinderungen, die oft weit reisen (müssen), um für sie barrierefreie Angebote, die keine Einzelaktionen sind, sondern eine ganze Region erschließen, zu finden.

Im Gesäuse in der Steiermark, einem der schönsten Gebiete der Nordalpen, ist das weite Reisen für Urlaubende aus Österreich und gerade für gehbehinderte Steirer*innen nicht nötig. Es gibt dort auch eine Reihe von Häusern, die das Umweltzeichen tragen – sowohl Unterkünfte (inklusive Campingplatz) als auch gastronomische Einrichtungen. Auch einige Angebote des Nationalparks wurden mit dem Umweltzeichen ausgezeichnet – etwa sämtliche Bildungsangebote, also auch die NP-Treffpunkte wie der Weidendom.

Gesäuse: Nicht nur Admont

Meist wird das Gesäuse ja mit Stift Admont und seiner weltberühmten Stiftsbibliothek in Verbindung gebracht, aber das Gesäuse bietet nicht nur Kultur, sondern auch viele Erlebnisse in der Natur, die durch das Engagement des Nationalparks auch für Menschen mit (Geh)Behinderungen zugänglich sind.

Barrierefreie Touren mit Swiss-Trac

Seit 2013 hat das Nationalparkteam, insbesondere Petra Sterl, einige Wege speziell für Rollstuhlfahrende und Menschen mit Gehbehinderungen gestaltet. Kontaktiert wurden beim Aufbau des barrierefreien Angebots Expert*innen des Behindertenrates ÖAR und auch aus der Steiermark. Damit nicht genug: Insgesamt drei Swiss-Tracs, bewährte Zuggeräte für Rollstühle, hält der Nationalpark Gesäuse zum Verleih bereit. Diese sind an Rollstühle mit Geländereifen gekoppelt. Meistens werden die Zuggeräte kurzfristig reserviert. Die Ausleihgebühr beträgt 25 Euro für einen ganzen Tag.

Swiss-Tracs, bewährte Zuggeräte für Rollstühle, können ausgeborgt werden (c) K. Chladek

„Ungefähr 15 bis 20 Gäste borgen sich die Swiss-Tracs derzeit pro Sommersaison aus“, berichtet Barbara Bock vom Team Natur- und Umweltbildung des Nationalparks, die Petra Sterl während deren Abwesenheit vertritt. Die Sommersaison des Nationalparks Gesäuse dauert von Mai bis Oktober. Da ist für die Swiss-Tracs noch Luft nach oben.

Insgesamt zwölf für Gehbehinderte barrierefreie Wanderwege gibt es inzwischen auf dem Gebiet des Nationalparks. Übersichtlich zusammengefasst sowie nach Schwierigkeitsgrad und Akkuverbrauch gegliedert sind diese im „Barrierefreien Wanderführer“, der in der Region ausliegt und auch auf der Website des Nationalparks https://www.nationalpark.co.at/ unter „Downloads“ und weiter unter „Folder und Plakate“ heruntergeladen werden kann.

Nationalpark Gesäuse (c) Stefan Leitner

Vom leicht zu befahrenden „Klassiker“ Leierweg durch den Auwald über den Weg „Lettmair Au“ entlang der Enns mit zahlreichen Fluss-Einblicken und unterhaltsamen Installationen bis zu Almtouren für geübte Swiss-Trac-Fahrer*innen finden sich unterschiedliche barrierefreie Routen in dem Folder. Darunter ist auch die nur 0,5 km lange, aber sehr interessante Tour zum Thema „Ökologischer Fußabdruck“ gleich beim Erlebniszentrum Weidendom. Dazu sagt Barbara Bock vom Nationalpark-Team:

„Unser begehbarer Ökologischer Fußabdruck in Form eines Labyrinths bietet auf unterhaltsame Weise die Möglichkeit, den persönlichen Lebensstil zu erkunden und ihm sprichwörtlich auf die Spur zu kommen.“

Die Tour „Ökologischer Fußabdruck“ ist übrigens der einzige barrierefreie Weg, der besser ohne Swiss-Trac erkundet wird, denn die Wege im Labyrinth hinter der Rotbuchen-Hecke sind eng und kurvenreich.

Barrierefreie Unterkünfte mit dem Umweltzeichen

Ebenso zu finden ist auf der Nationalpark-Website der Folder „Barrierefreie Angebote im Nationalpark Gesäuse“, wo auch barrierefreie Unterkünfte in der Region aufgelistet sind. Darunter (auch in finanzieller Hinsicht) so abwechslungsreiche Angebote wie ein 4-Sterne Hotel mit Umweltzeichen und ein JUFA-Haus (das das Umweltzeichen anstrebt) sowie Gasthäuser in den unterschiedlichen Gemeinden des Nationalparks.

In der Region selbst ist noch wenig bekannt, dass das Gesäuse solche Möglichkeiten bietet. Das bestätigt auch Sarah Reitmann, die Marketing-Spezialistin des Umweltzeichen-Hotels Spirodom in Admont:

„Wir haben generell und auch in unseren Zimmern mit barrierefreier Dusche eher Gäste, die von weiter weg nach Admont kommen. Auch unter denjenigen Gästen, die nicht nächtigen, sondern unser kulinarisches Angebot in Anspruch nehmen, sind nicht viele Menschen mit Behinderungen. Prinzipiell wäre das aber möglich. Wir haben unseren Wellnessbereich, den Tagungsbereich und auch Restaurant PANO VISUM stufenlos erreichbar gestaltet.  In der weiteren Region spricht es sich eher langsam herum, dass das Gesäuse auch viel für Menschen mit Behinderung bietet. Das Gesäuse wird nach wie vor stark mit Stift Admont in Verbindung gebracht. Das ist bekannt, alles andere eher nicht. Leute aus der weiteren Region hören meist durch Zufall, dass es hier viele Angebote für (geh)behinderte Menschen gibt. Dann nehmen sie diese aber gerne in Anspruch.“

Umweltzeichen Hotel Spirodom in Admont (c) K. Chladek

Langer Atem nötig

Es ist wie so oft: Bis barrierefreie Angebote vielen Menschen mit Behinderungen bekannt sind und angenommen werden, dauert es etwas länger. Veranstalter, Hotels oder auch der Nationalpark müssen langen Atem mitbringen. Das heißt nicht, dass der Bedarf an barrierefreien Angeboten nicht da ist. Im Gegenteil.

Vor allem in einer Gesellschaft, die immer mehr ältere Menschen umfasst. Im Alter werden die körperlichen Einschränkungen und Behinderungen tendenziell mehr. Trotzdem wollen zuvor aktive Menschen so lange wie möglich reisen, Natur und Kultur erfahren. Im Nationalpark Gesäuse können sie das, weil die touristische Servicekette mit Nächtigen – Erleben – Essen gut passt. Viele Lokale, etwa das Gasthaus gleich beim Weidendom, halten mobile Rampen bereit.

Nationalpark Gesäuse (c) Stefan Leitner

Angebote brauchen Nachfrage

Die Mitarbeitenden des Nationalparks Gesäuse würden gerne mehr hinsichtlich Barrierefreiheit tun, auch für sehbehinderte oder blinde Besucher*innen. So gibt es die Idee, ein Touchmodell der Region zu errichten, ein wortwörtlich begreifbares Modell. Gut Ding braucht aber Weile bzw. mehr Zuspruch und Nachfrage bzw. auch entsprechende Finanzen.

Das gilt auch für die Angebotsgestaltung für gehbehinderte Menschen:

„Wir haben ja auch einen Schwerpunkt auf Fotografie. Wir hatten auch schon barrierefreie Fotokurse im Angebot, aber diese wurden nicht so gut angenommen. Deshalb sind sie heuer nicht im Programm. Wann und ob wir sie wieder anbieten, steht in den Sternen“, erzählt Barbara Bock vom Nationalpark-Team.

Prachtvoller Sternenhimmel

Apropos Sterne: Das Gesäuse hat kaum Lichtverschmutzung und bietet deshalb einen prächtigen Sternenhimmel, wie er in dieser Klarheit und diesen Details nur noch selten zu sehen ist. Auch in Österreich. Schon gar nicht in der Nähe von Städten. Wer sieht denn schon regelmäßig mit bloßem Auge noch die Milchstraße?

Besonders spektakulär wird es, wenn bei Neumond nahezu völlige Dunkelheit herrscht. Oder Mitte August, wenn im Zeichen des Perseus besonders viele Sternschnuppen zu sehen sind, der Meteorschauer der Perseiden. Im Gesäuse sieht man die Sternschnuppen wirklich gut. Auch Menschen mit (Geh)Behinderungen.

Mehr Informationen: https://www.nationalpark.co.at